Anatomie einer Nacht: Roman

Anatomie einer Nacht: Roman - Anna Kim In ihrem Roman „Anatomie des Todes“ hat Anna Kim der Einsamkeit eine Stadt geschenkt: Amarâq, ein fiktiver Ort in Grönland, in der die Einsamkeit sich zu einem alles einhüllenden Organismus auswächst und alle anderen Einwohner neben ihr als Gäste erscheinen. Anna Kim beschreibt sehr zurückhalten und doch eindringlich in schönen, teils verstörenden Bildern eine Nacht in der elf Menschen freiwillig den Tod suchen. Diese Auslöschungen vollziehen sich im Buch leise, undramatisch, manche von ihnen ließen sich beinahe überlesen.

Beim Lesen treibt man oft im Ungewissen, ahnungslos wessen Geschichte einem erzählt wird. Zu viele Namen die einem begegnen ohne dass man sie in Beziehung setzen kann, woran auch ein Personenverzeichnis am Anfang des Buches nichts ändert, da es nur Alter und Beruf vermerkt, nicht aber die jeweilige Rolle im Roman. Die Geschichte wechselt Perspektive, manchmal von Absatz zu Absatz, und diese Verwirrung, diese Bindungslosigkeit, die sich erst im Verlauf des Buches löst wenn sie es überhaupt je tut, ist Programm. Fast alle Figuren im Roman befinden sich auf der Suche nach Müttern, Vätern, nach ihren Kindern - nach einer Form der Bindung und Herkunft die vielleicht bewirken würde das auch das Leben bindender erschiene, während sie isoliert im Dunkel der Stadt dahin- und aneinander vorbei treiben.

„Anatomie des Todes“ ist kein leicht zugängliches Buch. Fast möchte man am Ende des Buches noch einmal von vorn beginnen, diesmal mit einem Stift in der Hand um sich die Verknüpfungspunkte zu notieren und so das Dickicht Romans ein wenig zu lichten. Vielleicht wäre eine Novelle dem Thema und der Sprache Anna Kims gerechter geworden als ein Roman dies wird . Ein Rezensent der „Zeit“ soll beim Lesen verzweifelt „zu viel, zu viel!“ ausgerufen haben und vielleicht hat er recht. Und doch: ein sprödes Kunstwerk ist er geworden dieser Roman, getragen von einer Sprache die ebenso eigen wie poetisch ist.